"Bilder finden Orte" – Rückblick

Tagungsbericht 2015

Symposium des Deutschen Arbeitskreises Gestaltungstherapie/Klinische Kunsttherapie (DAGTP e. V.) in der KHSB-Berlin am 25./26. September 2015

Freitag, 25.09.2015

Die Sonne strahlt durch die sakralen Fenster mit den wunderschön restaurierten Bögen und Ornamenten der Aula, die in ihrer Entstehungsgeschichte als eine Kapelle des Krankenhauses fungierte. Hier, in der Katholischen Hochschule für Sozialwesen (KHSB) in Berlin, fand das sehr gut besuchte diesjährige Symposium „Bilder finden Orte“ des DAGTP e.V. statt. Beide, DAGTP e.V. und KHSB, sind seit 2001 Kooperationspartner und führen seit 2011 sehr erfolgreich den – nun dritten - akkreditierten Berufsbegleitenden Bachelorstudiengang Gestaltungstherapie/klinische Kunsttherapie durch. Zur Vervollkommnung des so beeindruckenden Rahmens trugen die Skulpturen einer hervorragend zu den Räumlichkeiten passenden Ausstellung der Berliner Bildhauerin Susanne Müller bei: „Aus der Rippe“, einzigartige Objekte aus dem nicht wieder zu erkennenden Material Pappmaschee.


Die Vorsitzende des DAGTP Frau Gabi Walterspiel eröffnet die Tagung - ©Jan Pauls


Der Präsident der KHSB Herr Prof. Dr. Ralf-Bruno Zimmermann begrüßt die Teilnehmer - ©Jan Pauls

 

Frau Walterspiel, die Vorstandsvorsitzende des DAGTP eröffnete das Symposium und begrüßte die TeilnehmerInnen. Im anschließenden Vortrag „Armut und Psychiatrie“, berichtete Prof. Dr. B. Zimmermann, Präsident der KHSB eindrücklich von seinen Erfahrungen als junger Arzt in der Psychiatrie und spannte den Bogen zur heutigen gesellschaftlich-politischen Lage - auch in Hinsicht auf unser Verhältnis zu den Flüchtlingen. Im Anschluss folgte der Vortrag „Kunst als Resilienzfaktor“ von Frau Dr. S. Schlüter-Müller. Sie arbeitet als Fachärztin und Gutachterin in der Kinderund Jugendpsychiatrie. Künstlerische Verarbeitung bei Kindern von psychisch erkrankten Eltern am Beispiel des Malers René Magritte und der Schauspielerin Jane Fonda waren Inhalt ihres Vortrages. Seit Jahren wird intensiv über die Resilienzfaktoren bei Kindern psychisch erkrankter Eltern geforscht, Kreativität und künstlerischer Ausdruck werden als schützende Faktoren beschrieben. Anhand der beiden Künstlerpersönlichkeiten, deren Mütter sich das Leben nahmen, wurde in diesem Vortrag die heilende Kraft des künstlerischen Ausdrucks dargestellt, den sich ja auch die Kunst- und Gestaltungstherapie zu Nutze macht.

Der Vortrag von Herrn Kelecic, der als Kunsttherapeut (HKT Nürtingen) in einer Tagesklinik arbeitet, musste aus Krankheitsgründen abgesagt werden. Freundlicherweise vertrat ihn Frau Lutz, die als Kunsttherapeutin in einer Praxis in Berlin arbeitet. Frau Lutz beschäftigte sich in ihrer Masterarbeit mit Klienten, die an einer paranoiden Schizophrenie erkrankten. Die Darstellung ihrer qualitativen und quantitativen Forschungsansätze anhand von Fragebögen im Bezug zur Wirkung ihrer kunsttherapeutischen Arbeit wurde sehr anschaulich dargestellt. Ein unglaublich reich bestückter Büchertisch, der die Vielfältigkeit und Breite der Kunst- und Gestaltungstherapie repräsentierte, unterstrich das hohe Niveau dieser Tagung.

Um 17:00 Uhr fand die jährliche Mitgliederversammlung des DAGTP e. V. statt.

Samstag, 26.09.2015

Der erste Vortrag an diesem Tag, wurde von Dr. M. Oppermann aus Hamburg referiert. Er ist Arzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalyse, freischaffender Künstler und Mitglied im BBK. Herr Oppermann leitete seinen Vortrag „Prozesse der Bildentstehung“ mit einem Bild des Malers G. Segantini ein. Am Beispiel der Bilder des Malers aus den Jahren 1889-1894, sowie anhand eines Bildes des Vortragenden selber, entstanden Überlegungen auf dem Hintergrund psychoanalytischer Praxis und Therapie. Dargestellt wurden Arbeiten Segantinis, in denen dieser mit Liebe und Hass seiner Mutter gegenüber rang. In einer enormen Verdichtung unbewusster Themen kondensierte sich in diesen Bildern das, was in seinem Werk vorher ungesagt geblieben war. Auch an einem Bild des Vortragenden wurde dargestellt, wie sich durch Verdichtung im Entstehungsprozess eine Struktur durchsetzte, die persönliche Erinnerungen aufdeckte. Beide Bildentstehungsprozesse wurden abschließend auf dem Hintergrund psychoanalytischer Praxis und Theorie diskutiert. Eine so detaillierte Darstellungs- und Herangehensweise eröffnete neue Reflexionsmöglichkeiten über Bilder.


Frau Dr. Schlüter-Müller beeindruckt mit Ihrem Vortrag „Kunst als Resilienzfaktor“ - ©Jan Pauls

 

Zahlreiche Workshops boten nun die Möglichkeit, sich mit Wissen und praktischem Tun zu bereichern. Angeboten wurden von KunsttherapeutInnen: Anette Haas: „Man bräuchte einen Fotoapparat für die inneren Bilder - das gestalterische Tagebuch im Kontext von Gruppen- und Einzeltherapie“. „Steingeschichten- Steinbildhauerei in der forensischen Psychiatrie“, geleitet von Stefan Schwaiger. „Kunsttherapie in der Palliativmedizin“, mit Beate Fischer-Schlappa. „Astwerk - über Verzweigung und gemeinsame Wurzeln von Kunsttherapie und Kunstpädagogik“, geleitet von C. Tschiesche-Zimmermann. „Körperbilder – Seelenbilder - Begegnungsbilder - kunsttherapeutisches Arbeiten mit onkologisch erkrankten Menschen“, mit Hannah Nöthig. Die Workshops waren wie immer sehr beliebt und zahlreich besucht, Eindrücke und Erfahrungen wurden vielfach und vielfältig ausgetauscht.


Der tolle Büchertisch lädt zum Stöbern ein - ©Jan Pauls

Den abschließenden Vortrag hielt Stephan Engelhardt aus Wien, er ist als Psychotherapeut für KIP in eigener Praxis und als Kunst- und Theaterpädagoge tätig: „Das Bild als intersubjektiver Raum des Begehrens“. Das Bild als ein interaktives Medium, es fragt und antwortet, ist die Projektionsfläche unserer Erwartungen und die Spur eines künstlerischen Prozesses. Wir lesen die in seine Oberfläche eingeschriebenen Wünsche des Produzenten. Als Abbild einer realen Beziehungserfahrung eröffnet es uns einen Übergangsraum für imaginierte Beziehungserfahrungen und wird zum Ort des Begehrens. Ein sehr kompakt gestalteter Vortrag als Abschluss.

Mit neuem Wissen, vielfältigen Eindrücken und anregenden Gesprächen ging dieses Symposium zu Ende.

[Text: Bianca Raue-Schulenburg]